Logo Brandenburgisches Staatsorchester Frankfurt Logo Brandenburgisches Staatsorchester Frankfurt

Japan-Tournee des BSOF

3.6.2019

Tschüss Tokio, tschüss Japan. Resümee: 11000 Besucher in acht Konzerten. Das kann sich sehen lassen.  

Es war eine kurze Abschiedsnacht, die mit leichtfertigen Wetten endete. Jetzt muss ich eine Stunde schneller von Frankfurt nach Kienitz radeln als Stefan Große Boymann. Sonst kostet mich das eine Flasche Nonino. Wäre schön, wenn das unter uns bleibt und niemand ihn daran erinnert. Hatten wir eigentlich ausgemacht, dass er das E-Bike seiner Frau nicht benutzen darf?

Um 7 Uhr sollen die Busse vorm Hotel abfahren. Alle sind da, nur einer fehlt: Ronald Herrmann. Er hatte ein Weckerproblem. Anruf im Zimmer. Zack, rückt er mit seinem Koffer an. Die Kollegen begrüßen ihn mit: „Busrunde!“Schlangestehen vorm Abflug

Am Check-In-Schalter am Flughafen springt unsere Buchhalterin Regine Oberländer wie ein aufgeregtes Rehlein heran und winkt mir mit einem seltsamen, scharfen, gezackten Küchenwerkzeug zu, das sie in Japan gekauft hat. Wozu benutzt man sowas? Auf den ersten Blick würde ich sagen, um Igel zu schälen.  An welchen außergewöhnlichen Geschmackserlebnissen wird denn in Regines Küche gearbeitet? Jedenfalls hatte sie ihren Igelschäler noch im Handgepäck, ihren Koffer aber schon Richtung Flugzeug geschickt und sucht nun jemand, der dieses Ding noch fix in seinen Koffer packt. Als ich mir ausmale, wie beim Öffnen meines Koffer gleich dessen Innereien unkontrolliert heraustreten werden und das Messerproblem die Schlange am Check-In-Schalter immer länger werden lässt, übernimmt Ronald und steckt Regines Küchenwaffe in eine Seitentasche seines Koffers. Um 11 Uhr sind wir in der Luft.

Neben mir sitzt eine Japanerin, die in Salzburg studiert hat und seit 20 Jahren in Wien lebt. Sie ist: Flötistin. Und Sommelier. Und Teezeremonienmeisterin. Ich schwärme von den Wiener Museen, sie klagt übers Essen, das in Wien so schnitzellastig sei. Ich erzähle ihr etwas vom Orchester und der Tournee. Als meine Ausschmückungen in Tokio angekommen sind, schaut sie ganz erschrocken. Tokio mache ihr Angst, sagt sie. „Wenn es dort ein Erdbeben gibt, wüsste ich nicht wohin.“ Außerdem seien die Tokioer ihr zu egoistisch und habe Tokio für ihren Geschmack viel zu viel Beton und viel zu wenig Bäume. Sie schlängelt sich auf ihren Sitz ein und zeigt mir Fotos vom Haus ihrer Eltern in den Bergen. Ringsherum Wald und Reisfelder. In diesen Bergen wächst der Weißwein, den die Japaner Koshu nennen. Sie erklärt mir, wie er schmecken soll, elegant und leicht bitter beim Abrollen.

Dann gibt sie mir mit einer Papierserviette und einem Plastikbecher einen Einführungskurs in die japanische Teezeremonie. Eine Kunst der maximalen Entschleunigung. Für eine Tasse Tee muss man sich wenigstens eine halbe Stunde gedulden. Außerdem muss man drei bis fünf Stunde lang auf dem Boden sitzen können für das ganze Prozedere. Ihr Mann sei dazu zu steif, sagt sie. Er braucht immer Stühle oder leidet. Deshalb ist für ihn eine Reise nach Japan stets mit Schmerz verbunden. Im Hause seiner Schwiegereltern wird traditionell auf dem Boden gesessen. Jedenfalls war es von Japan eine sehr freundliche Geste, mich mit einer Plastik-Teeshow über den Wolken zu verabschieden. Und passend war es auch. Wo in diesem Land selbst jeder Keks dreimal in Folie eingepackt ist.

Kurz vor der Landung in Helsinki gibt mir die Teemeisterin Keiko Sakurada ihre Karte. Wenn das Brandenburgische Staatsorchester mal in Wien oder wieder in Japan spielt, soll ich mich unbedingt melden. Sie würde sehr gern ins Konzert kommen. Also: Auf zu neuen Ufern...

Uwe Stiehler


2.6.2019

Letzter Ritt heute. Unter normalen Umständen müsste sich inzwischen eine gewisse Beethoven-Müdigkeit einstellen. Aber die Umstände sind außergewöhnlich. Tournee in Japan und ein Konzert in der Heimatstadt unseres Dirigenten Takao Ukigaya. Thomas Georgi erklärt mir hinter der Bühne, Müdigkeit werde es nicht geben, stattdessen werden nochmal alle Reserven mobilisiert.

Allerdings muss ich zugeben, dass diese Beethoven-Tour bei mir mentale Einkerbungen hinterlässt. Seit eineinhalb Wochen höre ich nun fast täglich seine 3. Sinfonie. Nachts überrascht sie mich mittlerweile in der Einschlafphase. Was das Hinabtauchen ins Reich blumiger Träume immer weiter hinauszögert. Wie muss es erst den Musikerinnen und Musikern gehen? Vielleicht träumt unser Jäger Falk Höhna nachts davon, wie er mit einem aus der Partitur der „Eroica“ zusammengerollten Blasrohr vom Hochstand aus aufs Rotwild anlegt. Vielleicht sieht sich unser Angler Stefan Große Boymann im Schlaf am Wasser sitzen, wie er einen 15-Kilo-Karpfen aus dem Wasser zieht, dessen Kopf Beethovens Sturmfrisur schmückt. Vielleicht wacht unsere Intendant inzwischen jeden Morgen schweißgebadet auf, weil Beethoven bei ihm jede Nacht exorbitante Tantiemen einfordert und die Verhandlungen mit Herrn B. so mühsam sind. Er hört ja nichts mehr.

Von einem Beethoven-Albdruck ist jedenfalls nichts zu spüren, als das Staatsorchester in Yamaguchi vor knapp 2000 Menschen spielt. Unsere Musiker haben mächtig Dampf gemacht. Am Schluss dann die Sensation: einige der Zuhörer applaudieren im Stehen. Das ist in Japan vom Euphorie-Grad ungefähr so, als würde ein von der Musik trunkenes Publikum unsere Musiker auf seinen Schultern aus der Frankfurter Konzerthalle tragen. Takao Ukigaya genießt es, in seiner Heimatstadt im Applaus zu baden. Yamaguchi ist einer dieser Orte, die nahtlos in Tokio übergehen. Jedenfalls hat man nicht das Gefühl, die Hauptstadt verlassen zu haben, wenn man in Yamaguchi ankommt.Muss nach dem Konzert in Yamaguchi Autogramme geben: Solopauker Matthias Buchheim

Beinahe ebenso übergangslos folgt dem Konzert ein Bankett mit vielen Dankesworten und lokaler Prominenz. Frankfurts Bürgermeister Claus Junghanns schüttelt dem Oberbürgermeister von Yamaguchi die Hand. Unser Solopauker Matthias Buchheim muss Autogramme geben und signiert die Programmhefte, die ihm zwei ältere Damen mit breitem Lachen hinhalten. Dann: Anstoßen und ran ans Büfett. Die große Herausforderung bei diesen Empfängen besteht darin, nicht zu verdursten. Man darf, will man die Etikette waren, sich nicht selbst einschenken. Dieses Problem lässt sich auf zwei Arten lösen: Entweder man klebt jemandem am Hacken, der einem gewogen ist. Oder man stellt sich mit leidendem Blick, leerem Glas und ausgetrocknetem Lächeln an einen Tisch der freundlichen japanischen Gastgeber. Funktioniert beides, hab es ausprobiert.Die Musiker wurden in Yamaguchi zum Abschiedsbankett eingeladen.

Zurück im Hotel ruf ich übers Internet zu Hause an. Mein Töchterchen schluchzt, ich soll endlich nach Hause kommen. Bin schon fast auf dem Weg, mein Kind.

Uwe Stiehler


1.6.2019

Ich schwanke gerade zwischen Aufstehenmüssen und Nochliegenbleibenkönnen, da wackelt mein Bett. Und wackelt und zittert. Jetzt denken Sie bitte nicht süffisant, sondern tektonisch! Der Tag beginnt mit einem Erdbeben in einer Stärke, die mich aufgeregt zum Fenster hüpfen ließ, in Tokio aber sonst niemanden beunruhigt hat. Das muss einem ja auch mal gesagt werden, bis zu welchem Wackelgrad Entspannung angesagt ist und ab wann Panik angebracht wäre. Meine Frau, mit japanischen Verhältnissen nicht unvertraut, schreibt mir später, Japaner wüssten, dass man bei Erdbeben unter den Tisch kriecht. Unter dem in meinem Zimmer passt nicht mal mein Rucksack. Als wir am Nachmittag in ein anderes Hotel umziehen, schaue ich zuerst nach dem Tischlein. Seine Kleinheit garantiert mir null Überlebenschance im Ernstfall. Dafür ist die Aussicht Bombe. 30. Stock! Weiter Blick über - naja ein Meer aus Beton, aus dem Hochhäuser wie Bambusstangen piken.In der Werkstatt eines Trompetenbaumeisters in der Yamaha-Zentrale in Tokio

Apropos Hochhäuser: In dem, in dem die besten Instrumentenbauer des Yamaha-Konzerns arbeiten, hat unser Trompeter Matthias Jonas sein Instrument richten lassen. Also dort, wo die High-End-Meisterstücke von Hand hergestellt werden. Für ihn ist das ein Ausflug in den Trompetenhimmel gewesen. „Musst du dir vorstellen“, sagt er. „Eine Stadt wie Tokio, überall Technik, und dann baut hier jemand so ein Instrument von Hand.“Selfie in der Werkstatt: Unser Trompeter Matthias Jonas im Trompetenhimmel des japanischen Meisters

Am Nachmittag hat das Orchester ein Konzert ganz am Rande von Tokio. Das Randständige erkennt man daran, dass plötzlich so etwas wie Wald unweit der Konzerthalle wächst und kein „7 Eleven“-Shop mehr zu finden ist. Sonst machen diese zur Grundversorgung unserer Musiker elementar wichtigen Läden selbst in den totesten Ecken ihr Türen rund um die Uhr für die Kundschaft auf.

Einen Park gibt es gleich neben dieser Konzerthalle auch, in die immerhin etwa 2000 Zuschauer passen. Ich beobachte Menschen, die ihr Picknicklager lieber auf dem Beton unter der den Park überspannenden Brücke aufbauen, als sich auf die Wiese zu lümmeln. Vielleicht kennen sie sich nicht so gut mit Gras aus, denke ich, weil sie nur auf Beton und Straßenpflaster aufgewachsen sind? Vielleicht haben sie Angst, dass sie sich an Gras verletzten könnten? Vielleicht fürchten sie, Gras könnte aufspießen?

Genauso überraschend wie ihr Hang zu  Betonflächen sind für mich andere Leidenschaften der Japaner. Ihr Vergnügen am Glücksspiel zum Beispiel, das sie in Spielhallen ausleben, in denen mir übel wird, weil es dort so krachend laut ist. In diesen Pachinko-Hallen stehen Dutzende und Aberdutzende Automaten, in denen Stahlkugeln durch das Reich der Glücksfee ballern, dass einem die Ohren wegfliegen. Die Japaner lieben das. Wir waren in Orten, wo man dachte, extrem tote Hose. Kaum Autos, null Fußgänger. Aber das Pachinko-Himmelreich brechend voll. Die Gewinne in diesen riesigen Zockerhöhlen werden in Süßigkeiten ausgezahlt, weil Glücksspiel in Japan an sich verboten ist. Die Riegelchen und Bonbons kann man allerdings immer irgendwo nebenan in Cash umtauschen - weil Japaner gern etwas anderes meinen als sie sagen. „Sagt selbst Yuki“,  spricht unser riesenhafter Bratschist Bernhard Gülde, als wir nachts im Minipark hinterm Polizeiposten mutig noch ein Freiluftbier zischen wie lichtscheue Subjekte. Überflüssig zu erwähnen, dass in diesem „Park“ untenherum jeder Zentimeter zubetoniert ist.

Als wir dort in der Dunkelheit auf den Steinen hocken, tritt ein Kollege an mich heran. Und präsentiert mir ein von ihm erdachtes Poem auf die japanische Ramen-Nudelsuppe. Und das geht so:

Der Suppenkoch oft müde war
Fast schien er zu erlahmen
Doch trotz der starken Müdigkeit
Blieb alles stets im Rahmen.

Der Verfasser dieser so tiefsinnigen wie doppelbödigen Zeilen hat darauf bestanden, dass ich seine Anonymität garantiere. Nur soviel: Der Intendant war‘s nicht.

Uwe Stiehler


31.5.2019

Stefan Große Boymann, sonst Typ coole Socke, wuselt vor dem Konzert nervös vorm Bühneneingang herum. „Lampenfieber?“, frag’ ich. „Bei sowas immer. Aufregung muss sein“, sagt er, „sonst kannst du gar nicht die Spannung halten.“ Bei unserem Trompeter Matthias Jonas verursacht die Situation Bauchschmerzen. Bananen helfen jetzt auch nicht. Draußen, im Saal des Metropolitan Theaters, sitzen fast 2000 Menschen. Besuch aus Frankfurt (Oder) ist auch da: Bürgermeister Claus Junghanns und Wirtschaftsreferent Mario Quast hören sich das Konzert an und Mitarbeiter der Firma Yamaichi, mit der die beiden über deren Pläne für Frankfurt gesprochen haben. Der Herr des Hauses ist ebenfalls gekommen: Sebastian Weigle, der Neffe unseres Generalmusikdirektors Jörg-Peter Weigle. Sebastian Weigle hat 1993 die Leitung des Landesjugend-Sinfonieorchesters Brandenburg übernommen, war Erster Kapellmeister an der Berliner Staatsoper, war der „Dirigent des Jahres“ der Zeitung Opernwelt, Generalmusikdirektor in Barcelona, ist seit 2008 GMD im anderen Frankfurt und seit vergangenem Jahr dazu noch Chefdirigent des Yomiuri Nippon Symphony Orchestra, das im Metropolitan einen großen Teil seiner Abonnement-Konzerte spielt. Fassen wir zusammen: Ein Saal, fast so groß wie der der Berliner Philharmonie, volles Haus, hoher Besuch, ein anspruchsvolles Programm, da bleibt keiner entspannt.

Bei diesem Konzert begegnen sich zwei japanische Musiker wieder, die in Deutschland zusammen studiert haben: Kotaro Fukuma und Masae Kobayashi. Er glänzt an diesem Abend am Flügel als Solist in Brahms‘ Klavierkonzert Nr. 2., während Masae als Konzertmeisterin nur eine Armlänge von ihm entfernt sitzt. Technisch perfekt, aber zur Seelenlosigkeit neigend, ist, was man oft über asiatische Pianisten hört. Bei Kotaro Fukuma ist das anders. Er spielt, wie man sich vorstellt, dass die von gräulichen Gemütsnebeln umwehte Melancholie deutscher Herkunft klingen müsste. Thomas Georgi ist ganz hingerissen von diesem Pianisten. Die Anspannung vor dem Tokio-Konzert sitzt unserem Solocellisten trotzdem im Wrack.

Die Musiker sind in so einer Situation wie Leistungssportler im Wettkampf. Sie können auf dem Punkt über sich hinauswachsen. Haben sie im Metropolitan gezeigt. Dazu hatte der Saal eine sensationell gute Akustik. Die Besucher haben für japanische Verhältnisse schon fast randaliert, so euphorisch haben sie applaudiert. Stefans Resümee als wir beim Mitternachtssüppchen zusammenhocken: „Wir haben die Hütte gerockt.“
Das Brandenburgische Staatsorchester spielt unter der Leitung von Takao Ukigaya das erste Tokio-Konzert seiner Japan-Tournee im Metropolitan Theater. Der Solist am Flügel ist Kotaro Fukuma.

Was er Hütte nennt, hat, wie schon gesagt, fast die Ausmaße der Berliner Philharmonie. Für Sie hat man damals ein ganzes Areal platt gemacht. In Tokio steckt das Metropolitan Theatre in einem gigantischen Gebäude, in dem Konferenzsäle, Büros und zig andere Sachen untergebracht sind. Irgendwo lese ich auch Poststation. Nur finden kann ich sie nicht. Und ich brauche unbedingt noch Briefmarken. Selbst die Tokioer trauen diesem Haus nicht unbedingt einen Konzertsaal zu. Als ich vor der Probe um diesen Koloss irre, fragt mich ein Mann, was ich suche. Ich sage, das Metropolitan Theatre. Er: zeigt auf das Hotel gegenüber. Es heißt auch Metropolitan - aber mit Hotel am Ende. Ich sage, nein, das ist ein Hotel. Ich suche das Theater. Und zeige auf den Klotz vor meiner Nase: Da müsste es drin sein. Nein, sagt er. Metropolitan. Und zeigt wieder auf das Hotel. Ich sage nochmal Theater. Da schaut er mich an, als wäre mir gerade der Wahnsinn aus dem Gesicht gesprungen und behauptet mit der Selbstsicherheit eines Samurai, das es in diesem Haus weder einen Konzertsaal noch ein Theater gebe. Punkt. Ich schleiche mich verwirrt auf die Rückseite, wo mich ein Pförtner in Paradeuniform mit „Brandenburg“ begrüßt. Er singt das Wort fast, als er es ausspricht und das r rollt ihm wie runder Kiesel von der Zunge.

An der gleichen Stelle treffe ich nach dem Konzert die Stecknadel im Heuhaufen: den japanischen Professor Goro Christoph Kimura. Sein Fachgebiet ist das Sorbische. Wahrscheinlich ist er der einzige Fachmann für diese Weltsprache in Japan. Wahrscheinlich ist er sogar der einzige Sorbisch-Professor östlich des Urals. Seine Universität will ihn aufgrund seiner Einzigartigkeit unbedingt unter strengen Schutz stellen, heißt es und will ihn angeblich als Weltkulturerbe registrieren lassen. Sorbisch in Japan also. Wir reden hier von Wissenschaft, weshalb sich die Frage erübrigt, was man als Japaner in Tokio mit Sorbisch anfängt. (Wichtige Übersetzungsarbeit für Exportschlager aus Pannschwitz-Kuckau?) Ich möchte von ihm wissen, wie er denn nun auf die Idee gekommen ist, sein Leben dieser Weltsprache zu widmen. Er schwärmt mir von den Trachten aus der Lausitz vor, die er auf einem Foto sah, als er einst sein Slawistik-Studium begann. Und da wars um ihn geschehen. Seither ist er sorbifiziert. Um seine Forschungssarbeit zu vertiefen, hat er mit seiner so reizenden wie sympathischen Familie in Frankfurt gelebt. Seine beiden Kinder sind dort ein Jahr zu Schule gegangen und sprechen Deutsch. Seine Frau hat unsere Sprache an der VHS gelernt. Nächstes Jahr werden sie alle vier wieder nach Deutschland kommen und ein Jahr in Leipzig leben. Wir haben uns in die Hand versprochen, dass wir uns dann wiedersehen.
Waren auch in Tokio im Konzert: Professor Goro Christoph Kimura und seine Familie. Sein Fachgebiet ist das Sorbische.

Uwe Stiehler


30.5.2019

Um sechs Uhr morgens schickt mir Stefan folgende Nachricht: „Onsen?“ Um sechs Uhr! Morgens! Ich schreib ihm zurück: „Wie früh träumst Du denn von Nackter-Männer-Suppe?“ Vor der Abfahrt nach Tokio lassen wir uns also weichkochen. Als ich mich durch einen dunklen Hotelflur zum Onsen taste, ist Stefan, der frühe Vogel, schon wieder ausgeflogen. Auch sonst ist keiner da. Ist mir sehr recht. Weil mein Reiseführer sagt, dass die Japaner in uns Europäern immer das wasserscheue, müffelnde Schmutzteufelchen wittern und in solchen Badeanstalten stets sehr genau hinschauen, wie gründlich wir es mit der Vorreinigung nehmen. Ich kann mich der Badefreude also ganz unbeobachtet hingeben und beginne gemütlich bei 39 Grad. Dann 41,3. Dann 42,7! Sauna, denke ich, kennst du. 42,7 Grad steckst du locker weg. Nach vier Minuten habe ich das Gefühl, ich stehe kurz vor der körperlichen Selbstauflösung. Der Meister des Onsens schaut vorbei, lächelt zufrieden und milde und gibt mir zu verstehen, ich soll noch 20 Minuten in seinem heißesten Topf garen. Als er weg ist, stelle ich mich 20 Minuten unter die kalte Dusche, die nicht wirklich kalt ist und träume von einem Sprühregen aus winzigen Eiswürfeln.

Habe sehr viel später beim eiskalten Bier ein Onsen-Nachsorge-Gespräch mit Stefan, bei dem ich auf Julius Cäsar verweise, der im „Bellum Gallicum“ schrieb: Den Germanen sei zu eigen, dass sie Milch tränken und in kalten Flüssen badeten, was sie vor der Verweichlichung durch die Zivilisation bewahre. Siehste Julius, deshalb ist mein Onsen die Ostsee vor Vitte, wenn sich am Strande die Schneeflocken leise auf den weißen Sand legen und der Hafen nebenan in Kloster im vereisten Winterschlaf liegt.

Mit dem Gefühl, ich hätte mich in eine japanische Suppennudel verwandelt, schleppe ich mich zum Bahnhof. Auf dem Gleis stehen sie wieder, unsere japanischen Freunde. Wieder mit Fähnchen und Banner. „Vielen Dank für die tolle Leistung“ steht drauf. Und: „Achten Sie auf Reisen“. Jemand murmelt: „Vielleicht haben sie sich verschrieben und es soll Riesen heißen.“Und so wurden wir aus Himeji verabschiedet

Das Abschiedskommando schüttelt jedem von uns, den es fassen kann, mindestens dreimal die Hände. Das hat aber nichts Aufgesetztes. Man spürt, es kommt von Herzen. Ich muss sie sanft dazu überreden, mir meine Hand zurückzugeben. Dann katapultiert uns der Shinkansen nach Tokio.

Die meisten unserer Musiker waren bereits hier. Das Orchester ist 2001 und 2005 ja schon mal durch Japan getourt. Für mich ist es der erste Run. Die Stadt haut mich um. Es wuselt und wimmelt und brodelt nimmermüde. Es gibt Straßen, die wegen der vielen leuchtenden, blitzenden, funkelnden Reklame in der Nacht kaum dunkler sind als am Tage. Von allen Seiten wird man ununterbrochen beschallt. Aus den Geschäften donnert Musik, von fassadengroßer Bildschirmwerbung legen sich Reklamesprüche in Kinolautstärke drüber. Und auf den besonders belebten Einkaufsstraßen trötet dazu noch aus öffentlichen Lautsprechern Musik. Ich denke erst, da stünde irgendwo ein leibhaftiger Straßenmusiker mit einem Saxophon herum. Von wegen. Der Jazz berieselt das Volk nonstop aus der Box.Tokio beI Nacht: Die Lichtreklame ersetzt die Straßenbeleuchtung

An einer Kreuzung pfeift ein Polizist in gebügelter Uniform rhythmisch in eine Trillerpfeife. Ich würde ihn gern fragen, ob er den Passanten das anzustrebende Schritttempo vorbläst, um Stockungen und Fußgängerstaus vorzubeugen. Weil er aber schaut, wie die japanische Antwort  auf Clint „Dirty Harry“ Eastwood an einem seiner besonders miesen Tage, schreite ich im Takt seiner Pfeife rüstig aus.Armeen von Fußgängern auf der riesigen Kreuzung von Shibuia

In Tokio treffen wir einen Musikschüler von Stefan. Paul Rost heißt der Bursche, kommt aus Frankfurt, macht in der Nähe von Tokio ein Auslandsschuljahr und spricht inzwischen fließend Japanisch. Er ist unser Guide und unser Dolmetscher. Mit ihm fahren wir mit der U-Bahn nach Shibuia. Zu der riesigen Kreuzung, auf der sich im Takt der Ampeln Armeen von Fußgängern aufeinander zubewegen. Direkt davor verteilt ein Typ in kurzen Hosen kostenlose Umarmungen. Stefan und ich holen uns welche ab. Shibuia ist ein Szenebezirk mit abgefahren Läden. Wir stolpern in einen, auf dem in Folie eingeschweißte T-Shirts auf der Stange hängen. Sie kosten pro Stück umgerechnet 2500 Euro. Ein! T-Shirt. Lappen aus Baumwolle. „Der Aufdruck macht’s“, sagt Stefan.Her mit den kostenlosen Umarmungen

Paul kennt sich in Shibuia aus und taucht mit uns in einen Keller ab. Da unten soll es die beste Nudelsuppe geben. Man kauft sein Essen wie am Fahrkartenautomaten, wird dann platziert und sitzt eingebrettert in einer Art Verschlag direkt vor der Kochstelle. Das Rollo vor der Nase ist runtergelassen. Diese Köche mögen es nicht, wenn man ihnen bei der Arbeit zusieht. In anderen Suppenküchen wird deutlich transparenter gearbeitet. Als ich die Essnischen sehe, muss ich sofort an meinen Russischunterricht im Sprachkabinett denken. Im Langzeitgedächtnis trommeln Angst und Panik an die Schädeldecke.Die Suppenküche, die mich an meinen Russischunterricht im Sprachkabinett erinnert

Mit Paul fahren wir eins der Hochhäuser von Shibuia hoch, um von oben einen Blick auf die Stadt zu werfen. Er erzählt, wie stramm sein Tagesprogramm ist: Bis Nachmittag Schule. danach vier Stunden Schwertkampftraining. Jeden Tag. Die Wochenenden sind nicht ganz so heftig, aber auch nicht zum Beinehochlegen gemacht. Er sagt, aus der Schwerkampfnummer käme er jetzt nicht mehr raus. Würde er aussteigen, würde er vor seinen japanischen Freunden sein Gesicht verlieren. Fürs Kontrabassspielen hat er natürlich keine Zeit mehr. Er wüsste auch nicht, wie er hier an einen Bass käme. Stefan nimmt’s klaglos hin. Jedenfalls kommt Paul bestens klar in Japan. Einziger Minuspunkt: Mit den Mädchen laufe gar nichts. Wirklich überhaupt nichts. Paul: „Ehrlich, das hatte ich mir ganz anders vorgestellt.“Haben sich in Tokio getroffen: Stefan und sein Frankfurter Musikschüler Paul Rost

Am Abend sitzen wir mit ihm noch im Hotel zusammen und verschieben den Plan, eine Karaoke-Bar zu entern, auf morgen, wenn das erste Tokio-Konzert vorbei ist. Da kommt Thomas Wolk (Cello) aufgeregt vorbei. Ein paar unserer Musiker hätten Stress mit der Polizei bekommen, weil sie vorm Hotel ein Entspannungsbierchen getrunken haben in lauer Frühsommernacht. „Die Polizei hat sie weggejagt. So richtig mit Knüppel raus“, sagt Thomas. Dafür durften die angetüterten Clochards bleiben wo sie waren.

Uwe Stiehler


29.5.2019

„Ohne Schuhe ist fast wie ohne Hose“, sagt unser Cellist Thomas Wolk, als wir uns im Bauch des Weißen Reihers über den Weg laufen. Weißer Reiher - das ist der Ehrenname der Burg von Himeji, durch die der Kollege auf Socken schlurft. An einer Hand baumelt eine Plastiktüte, in der er seine Straßenschuhe spazieren trägt. So müssen das alle machen, die im Daitenshu, dem mächtigen Bergfried dieser Festung, herumwandern.Die schönste Burg Japans: die Festung von Himeji

Also ist das Orchester barfuß unterwegs, als es heute einen Gruppenausflug ins Innere dieser Sehenswürdigkeit machen darf. Dabei funkeln die dunkelrot lackierten Fußnägel unserer Geigerin Ulrike Dynow freundlich in den eher lichtarmen Innenräumen des Weißen Reihers.

Er ist eine Berühmtheit. Schönste Burg Japans! Touri-Attraktion, Filmkulisse für James Bond und  Samurai-Epen - diese Liga eben. Die Burg wurde nie durch Kriege, Erdbeben oder Feuersbrünste zerstört und vor einigen Jahren sehr aufwendig restauriert. Nun leuchtet diese Festung wieder im majestätischen Weiß in eine zubetonierte Ebene.

Früher wehrte sie sich mit architektonischen Gemeinheiten gegen Eindringlinge. Die Torhäuser zum Beispiel waren so gebaut, dass sie zum Einsturz gebracht werden konnten, um unerwünschtes feindliches Bodenpersonal unter sich zu begraben.

Heute betreibt der hoch aufragende Bergfried einen Abwehrkampf gegen seine Abnutzung. Schuhe sind hier streng verboten. Deshalb steht die Schuhpolizei am Eingang des dicken Turms, passt auf, dass alle ab hier barfuß weitermarschieren und gibt Plastiktüten aus, in denen man seine Schuhe mitnimmt.

Der Daitenshu besteht in seinem Inneren vor allem aus Holz. Wände, Decken und der vornehm lackierte Boden - alles Holz. Deshalb riecht die untere Etage wie der Dachstuhl einer alten Kirche heimatlicher Bauart. Die Musiker schrauben sich auf steilen, schmalen Treppen durch diesen Bau. Man muss hier und da sehr auf den Kopf aufpassen. „Geriatrisches Klettern“, nennt es Geigerin Annette Jonas, und ich weiß nicht, ob sie damit auf den Altersdurchschnitt des Orchesters oder den der Touristen anspielt.

Der Rundgang muss zügig passieren. Die Orchesterdirektorin hat die Musiker vergattert, pünktlich um 14:15 Uhr wieder am Bus zu sein. Wenn also einer von unserer Garde der langen Kerls dem Weißen Reiher im Halse steckenbleibt, bekommen wir ein Zeitproblem. Auch fürs Geschäft wäre es nicht hilfreich, wenn sich in der Presse herumspricht, dass man den Intendanten des Brandenburgischen Staatsorchesters erst aus dem Daitenshu heraussägen musste, bevor seine Musiker in Himeji auftreten konnten. Ich weiß nicht, wie er sich mit seinen fast zwei Metern durch den Bergfried gewunden hat, jedenfalls steht er eher am Bus als ich.

Ich habe noch einen zeitlichen Puffer und denke: Ist noch Zeit, schaust noch kurz in eines der Nebengebäude rein. Von außen sieht es aus wie gerade der Schuhkartongröße entwachsen. Müsste also sehr fix gehen dieser Abstecher. Also wieder Schuhe aus und in die Tüte. Dann kommt ein Gang, dann Treppe hoch, noch ein Gang. Noch eine Treppe hoch. Und noch eine. Ich schau auf die Uhr. Mir wird komisch. Jetzt stehe in einem Flur, dessen Ende ich nicht sehe. Rechts eine Phalanx leerer Räume. Ich gehe etwas zügiger. Der Gang biegt sanft um die Ecke. Ich: Laufschritt. Noch eine weitere Biegung. Ich: Bin jetzt der kalte Luftzug, der die wenigen Besucher dieses hölzernen Wurms streift. Um 14.13 Uhr sitze ich im Bus.

Dann ab ins Hotel, das so angenehm beschaffen ist, dass Stefan Große Boymann darüber nachdenkt, doch im Zimmer und nicht im Kontrabass zu schlafen. Er klärt das mit sich bei einem Besuch im Onsen, wo man sich in heiße und sehr heiße Becken legt. Sauna auf japanisch.

Unseren Chef Roland Ott und mich treibt der Hunger aus dem Hotel. In dem Laden, den wir aufspüren, sitzt ein zahnloser Herr rauchend in der Ecke. Typ: alter Indianerhäuptling. Mit gestenreichen Erklärungen versuchen wir an etwas zu essen zu kommen. Der Häuptling sieht aus, als würde er zum letzten Mal seine alten Strandklamotten ausführen. Dann erhebt er sich mit der Würde eines Stammesältesten und vermittelt auf Englisch. Wir sind beglückt über diese positive Entwicklung und bestellen Reis mit Garnelenschwänzen. Ebi heißen sie auf Japanisch, erklärt er uns. Oder schreibt man Ehbie? Roland Ott sagt ihm, wir seien vom Orchester, das heute Abend in Himeji spielt. Wir sind ihm so dankbar, dass wir in seinem Stammlokal nicht verhungern müssen, dass wir ihm eine Freikarte fürs Konzert versprechen.Unser Willkommenskomitee

Als wir mit dem Bus bei der Halle vorfahren, in dem das Orchester heute spielen soll, hat sich dort ein Empfangskomitee aufgebaut. Unsere japanischen Freunde halten ein großes Banner hoch mit einem Willkommensgruß fürs Brandenburgische Staatsorchester. Von einigen der Bannerträger schauen nur die Köpfe drüber. Von anderen sieht man nur die Hände. Schon als wir auf dem Bahnhof von Himeji ankamen, haben sie uns auf diese Weise überrascht. Mit Deutschland- und Brandenburg-Fähnchen winken sie uns zu. Der rote Adler wackelt aufgeregt und voller Freude hin und her. In der Konzerthalle singt für uns ein Chor „Sah ein Knab' ein Röslein stehen“. Es gibt Musik auf traditionellen japanischen Instrumenten und einen Löwentanz. Ich behaupte zwar immer noch, dass sei ein Drachentanz gewesen, weil Löwen ja nun nicht zu den Urgewächsen Japans zählen. Aber was weiß ich schon über dieses Land.Musik gab es für uns auch noch

Das löwenartige Drachenwesen hat einigen von uns nach seinem Tänzchen in den Kopf gebissen. Mich auch. Das soll Glück bringen. Und siehe da, der Indianerhäuptling ist tatsächlich gekommen. 15 Minuten vor dem Konzert laufen wir uns im Foyer in die Arme. Umgezogen hat er sich nicht, dafür kommt er in Begleitung einer lieblichen Jade-Prinzessin.Und ausgesuchte Glückskinder wurden vom Löwen geküsst

Und das Glück nahm kein Ende: Meine Fahrkarten waren heute morgen, wo sie sein sollten und der Hüter des Onsens ließ mich wässern, obwohl gar nicht mehr auf war. Und es kommt noch besser: Als uns nach dem Konzert noch nach Suppe ist, schlendere ich mit Stefan, Matthias und Peter in einen vielversprechenden Laden. Wir haben: Glück selbstverständlich. Nach uns wird keiner mehr bedient. Stefan bestellt sich eine vegetarische Suppe, in der mehr Schweinefleisch-Scheibchen schwimmen als in meiner. Er versucht es mit einer Reklamation. Die reizend-freundliche Kellnerin nickt lachend und erklärt ihm mit dem hellsten Lächeln: Genau, das ist die vegetarische Variante. Stefan hatte sich gestern eine Fischsuppe bestellt, bei der ebenfalls nicht an Schweinefleisch gespart wurde. Er wurde eben nicht vom Dings gebissen.

Wir werten die Restauranterfahrung später im Hotel aus. Stefan ist überzeugt, dass die japanischen Vegetarier bestimmt die glücklichsten Vegetarier der Welt sind. Bernhard Gülde sagt meinen Lieblingssatz des Tages: „Ich dachte es wären Shrimps, war aber Darm.“

Morgen: gehts auf nach Tokio

Uwe Stiehler


28.5.2019

Im gleichen Maße, in dem die Säle immer voluminöser werden, in denen das Staatsorchester spielen darf, schrumpfen unsere Hotelzimmer zusammen. Andere würden murren und einen Rumor anzetteln. Wir aber bringen im Sinne der deutsch-japanischen Freundschaft unseren Gastgebern das größte Verständnis entgegen und sind deshalb bereit, uns raummäßig noch mehr zurückzunehmen. Man muss den Tatsachen ins Auge sehen: Das Staatsorchester mit seinen hünenhaft aufgeschossenen Musikern beansprucht überproportional viel Platz in diesem Land, in dem die Menschen aus Raumnot sehr eng zusammenrücken müssen. Und das ist unseren japanischen Freunden gegenüber nicht gerecht.

Unser Intendant, unser Solopauker Matthias Buchheim, der Bratschist Bernhard Gülde, der Hornist Roman Horynski und Stefan Große Boymann, der Solokontrabassist - alles Riesen, die vor 300 Jahren niemals Musiker hätten werden können. Man hätte sie als Schmuckstücke der Gigantengarde unseres preußischen Königs zwangsrekrutiert.

Jedenfalls sehen wir ein, dass dem japanischen Volk organisatorisch entgegenkommen muss, wer es mit einer Anhäufung hoch aufgeschossener Menschen derart in Bedrängnis bringt. Deshalb haben wir das Komitee „Mehr Raum für Japan“ gegründet, das von nun an dafür sorgt, dass das Orchester nur noch ein Hotelzimmer braucht, in dem wir durch geschicktes Aneinanderlehnen und eine sinnvolle Stehordnung gemeinsam nächtigen. Das schafft Nähe und Vertrauen.

Und das ist nur der erste Schritt! Es hat sich innerhalb des Komitees eine Untergruppe gebildet, deren Mitglieder ganz den Hotelzimmern entsagen wollen. Matthias Buchheim wird sich von nun an leise in seiner Pauke zusammenrollen. Und Stefan will sich künftig durch die Schallschlitze ins Innere seines Basses schlängeln, um dort drin zu nächtigen. Er trainiert bereits mit gezielten Yoga-Übungen. Auch heute morgen wieder.

Als er damit fertig war, sind wir in das Fitnessstudio gegangen, das direkt gegenüber von unserem Hotel steht. Wir durften eine Stunde ein kostenloses Probetraining machen. Haben danach aber auf eine dauerhafte Mitgliedschaft verzichtet, zu der uns der Trainer überreden wollte. Der Monatsbeitrag von umgerechnet 350 Euro hat uns doch sehr überrascht. Vielleicht hat er uns das Studio auch verkaufen wollen und uns eine smarte Monatsrate angeboten. Das war nicht genau herauszuhören. Das Englische liegt unseren japanischen Freunden leider sehr schwer auf der Zunge. Yuki, unser japanischer Kontrabassist, sagt, Englisch werde in seinem Land erst spät unterrichtet und nicht immer mit dem richtigen Personal. Yuki grinst: „Mein Englischlehrer konnte gar kein Englisch.“

Beruhigende Meldung an die Angehörigen in der Heimat: Wir haben das Sportstudio nicht erworben. Wobei ich zugeben muss, ich hätte wenigstens die Rudermaschine gern mitgenommen. Der Sport war wichtig. Er machte den Musikern den Kopf frei für das Konzert heute Abend in Saga. In einer Gegend, die einen ähnlichen Charme versprüht wie das Gewerbegebiet von Frankfurt-Markendorf, haben die Japaner einen Kulturpalast hingezaubert, in den das Frankfurter Kleist Forum wenigstens dreimal reinpasst.Nach dem Einlass: der riesige Konzertsaal von Saga beginnt sich zu füllen

Der Konzertsaal ist ungeheuer hoch und zum Teil gefliest. Da wundert man sich. Wie soll das klingen? Sagen wir so: Als das Orchester Brahms‘ Klavierkonzert spielt, klingt das zum Niederknien schön. Ganz weich und samtig beginnen die Hörner, als würde ein sanfter Wind durch Federgras wehen. Thomas Georgi spielt seine Cello-Soli als flössen sie ihm aus den empfindsamsten Winkeln seiner Seele direkt in die Finger. Die Kacheln an der Wand haben dem Wohlklang nicht geschadet.

Christian Krech, der Soloklarinettist, erklärt mir vor dem Konzert, warum man in Saga so in Keramik verliebt ist und einen Konzertsaal baut, der stellenweise an eine Duschkabine im Dinosaurierformat erinnert. Er sagt, es gebe in Saga eine lange Keramik-Tradition, die vor mehreren Hundert Jahren mit der Einwanderung südkoreanischer Handwerker begonnen habe. Deshalb stehen vor dem Kulturpalast Stelen, deren Stirnseiten mit Kacheln gefliest sind, die an die berühmten von Delft erinnern und japanische Muster tragen.Blick auf die Bühne von Saga

Ich hatte Zeit, mir das anzuschauen, weil zwischen Probe und Konzert noch so viel Luft war und die Gegend sonst keine Ablenkung bot. Bernd Beberstedt, unser Leitender Orchesterwart, überbrückt die lange Pause, indem er von seinem alten Trompetenlehrer erzählt. Der hatte es mit dem Herzen und sollte zu einer Kur, die durch Musiktherapie Mensch und Herz zu beruhigen versuchte. Dafür wurde dem Trompetenlehrer Ravels langsam voranschreitender Bolero vorgespielt. Er versuchte bei dem Trompetenlehrer allerdings hektischstes Herzrasen. Woher hätten die Ärzte auch wissen sollen, dass ihr Patient sich daran erinnert fühlte, wie dieses Stück Trompeter herausfordert?Werkstatt für die beste Suppe: die Suppenküche hinter unserem Hotel

Was beim Resümee dieses Tages noch unbedingt erwähnt werden muss, ist die Suppenküche, die Stefan mit seinem Näschen hinterm Hotel erschnüffelt hat. Mehr als acht Gäste passten da nicht rein. Hinterm Tresen sieht es nicht nach Küche, sondern nach Kochwerkstatt aus. Doch was dort von zwei jungen Menschen gezaubert wird, ist ein Gedicht. Man hätte eine von Matthias’ Pauken mit dieser Suppe füllen mögen so für unterwegs. Geht natürlich nicht. Wo soll er dann die nächsten Nächte schlafen?

Uwe Stiehler


27.5.2019

Während der kleinen, von allgemeiner Heiterkeit getränkten Runde gestern im Foyer musste ich meinen Koffer eilig packen, denn er reiste uns in dieser Nacht schon voraus. Die Eile sollte Folgen haben.

Ich hatte vergessen, die Platzkarten aus dem Jackett zu nehmen, als ich es hastig in den Koffer warf. Dass mir diese überlebenswichtigen Billetts bereits vorausgereist waren, habe ich allerdings erst heute morgen bemerkt. Gut, denk ich, setzt Du Dich halt dahin, wo frei ist. Und freie Sitze gibt es genug. Dann kommt der Schaffner und redet auf mich ein, als ich ihm mein Bahnticket ohne Platzkarte reiche. Ich mache, was sich für Ausländer in solchen Situationen immer empfiehlt: Ich gucke erstmal doof, aber freundlich. Als Yuki bemerkt, dass von meinem Sitzplatz her eine Problemwolke aufzieht, springt er mir zur Seite. Fragt mich nach meinen Platzkarten. Und ich umreiße kurz aber präzise die Kausalkette zwischen Party im Foyer, hektischem Packen und der Abwesenheit meiner Platzkarten. Da weiß ich noch nicht, dass diese Platzkarten für das Funktionieren des japanischen Bahnverkehrs so bedeutend sind wie Gleise und Triebwagen.

Von nun an lotst mich Yuki durch alle Fahrkartenkontrollen und an diesen Schranken vorbei, durch die man erst durchkommt, wenn man seine Karten da reinsteckt. Ich hänge mich an ihn wie ein leckes Schiff an einen Schlepper. Und so erreicht unser Grüppchen Hiroshima.Hiroshima überrascht mit viel Wasser und viel Grün

Ich weiß nicht, wie es andere empfinden, bei Hiroshima habe ich zuerst die Bilder einer ausradierten Stadt im Kopf. Aber dann laufen wir dort über Flussarme und auf weiträumigen Straßen dem Memorial entgegen, und ich denke: wow. Viel Grün, Wasser, Luftigkeit. Hiroshima hat mir gefallen und ist mir aber auch mächtig ins Gemüt gefahren. Das ist uns wohl allen so gegangen. Yuki sagt noch, er muss etwas essen, bevor er ins Hiroshima-Museum geht. Hinterher wird er das wegen der Bilder nicht mehr können.Der Memorial-Park von Hiroshima

Das Museum steht am Eingang eines Parks, der angelegt wurde, um an den Atombombenabwurf und dessen Opfer zu erinnern. Er wirkt aber alles andere als depressiv. Wir wollen zu dem Denkmal, das den Kindern gewidmet ist, die von der Bombe ermordet wurden. Für mich bleibt es Mord, auch wenn Japan den Krieg gegen die USA begonnen hat, im Starrsinn verharrte und weiterkämpfte, als es diesen Krieg längst verloren hatte. Aber ausgerechnet die, die am wenigsten für diesen Krieg konnten, sind im Feuersturm dieser Bombe verglüht oder an den Folgen der Strahlung gestorben. Es mordet laut Gesetz, wer mit Vorsatz heimtückisch oder mit einer gefährlichen Waffe tötet. Genau das geschah in Hiroshima.Kinderdenkmal

Wir haben Papierkraniche mit, die wir zusammen mit einer Depesche in einen Briefkasten beim Kinderdenkmal schieben. Als wir uns umdrehen, steht eine Schulklasse vor dem Denkmal in Reih und Glied wie beim Appell. Die Kinder fangen zu singen an. Ein einfaches Lied, das uns alle wie ein Pfeil trifft. Mir schießt das Wasser in die Augen. Ich kann nichts dagegen tun. Später erzählen die anderen, ihnen wäre es genauso gegangen.

Und dann sind wir in dieses Museum, das seine Besucher wirklich nicht schont. Ich verstehe, warum Yuki unbedingt vorher essen wollte. Irgendwann kann ich diese Fotos nicht mehr ertragen und fliehe vor diesen Bildern ins Freie. Ich schlendere zu der berühmten Ruine des Doms und am Wasser wieder zurück. Da treffe ich Claudia und Thomas Georgi, Yuki und Prem Weber. Sie wollen auf einer als besonders reizvoll beschriebenen Route zurück zum Bahnhof. Ihr Stadtplan nennt es „der schöne Weg“. Man läuft am Wasser und an Parks entlang. Zwischendrin denke ich, jetzt könnte der „Schöne Weg“ schönheitsmäßig ruhig noch was draufpacken, wenn er sich schon so brüstet.

Andersherum betrachtet kann sich in Hiroshima so ziemlich jede Ecke „Schöner Weg“ nennen, wenn man sie mit dem Betongebirge vergleicht, in dem wir heute Abend übernachten. Sagen wir mal so, es ist sehr, sehr funktional.

Uwe Stiehler


26.5.2019

Nymphengleich steht Yoko Yamashiro hinter der Bühne und lächelt die Aufregung weg. In wenigen Minuten wird sie mit dem Brandenburgischen Staatsorchester Griegs Klavierkonzert spielen. Sie reagiert ihre Nervosität an ihrer funkelnden, goldenen Haarspange ab, an der sie herumnestelt. Unsere Konzertmeisterin Klaudyna Schulze-Broniewska umarmt die Pianistin, spricht ihr Mut zu und lobt flüsternd das leichte, blumige Stöffchen, das Yoko Yamashiro trägt. Dieses Kleid umweht die Pianistin wie ein smaragdgrünes Lüftchen.

Als sie am Konzertflügel sitzt und zu spielen beginnt, wird das Orchester ganz dünnhäutig und lässt Griegs zarte, fragile Musik im Konzertsaal von Yonago schweben, als wäre sie ein so schöner wie leicht zerbrechlicher Kristall. 1700 Zuhörer werden vom Zauber dieser Musik einfangen. „Bravo! Bravo“, ruft es aus dem Publikum, kaum das der letzte Ton dieses Klavierkonzerts verhaucht ist.die Pianistin Yuko Yamashiro schwebt von der Bühne

Yoko Yamashiro muss mehrmals wiederkommen, ehe sie endgültig hinter die Bühne entschwebt, die unser Intendant auch gerne hätte. Mit riesigen Stahlarmen und fetter Hydraulik kann man sie in jede Größe bringen und sie von kammermusikalischer Bescheidenheit bis zu Mahler‘schem Größenwahn zurechtschieben. Als ich die Pianistin hinter diesem Wunderwerk herumflattern sehe, mische ich in das Lob auf ihre Musik auch ein kleines auf die Bühne. „Japanische Technik!“, sagt sie auf Deutsch und reißt dabei die Mandelaugen auf, als müsste ich darin die Konstruktionspläne aufblitzen sehen.

Yoko Yamashiro spricht unsere Sprache, weil sie vor 20 Jahren in Berlin studiert hat und seitdem regelmäßig in Neuruppin spielt. Sie und das Orchester kennen sich bereits.Japanische Technik: die Bühnenhydraulik von Yonago

Nach dem Konzert muss es fix gehen. Wir wollen für einen Abstecher nach Hiroshima unsere Fahrkarten tauschen, haben aber nur eine halbe Stunde Zeit bis zu dem offiziellen Empfang, den das Orchester gleich bekommt. Der Bahnhof ist zum Glück um die Ecke. Nun ist das Umtauschen von Fahrkarten in Japan allerdings ähnlich komplex wie das Abgeben einer Steuererklärung in Deutschland. Wir aber rücken wie eine Invasionsarmee mit 16 Leuten an. Macht 16 Steuererklärungen in 30 Minuten. Richtig, ist nicht zu schaffen. Es liegt an den Platzkarten. Man kann sich in den Zügen, die wir benutzen, nicht einfach irgendwohin lümmeln, man braucht immer - immmer!!! - eine Platzkarte. Und weil wir nochmal umsteigen müssen, gilt es eine Menge Platzkarten zu tauschen. Der Mann am Schalter schiebt die ganzen Karten, die wir vor ihm hingeblättert haben, halb ratlos und halb ordnend hin und her. Sieht so aus, als würde er Black Jack spielen. Plötzlich ist eine Karte weg. Schon machen - wie oft in solchen Situationen - die ersten Bratscher-Witze die Runde. Der Blick des Bahnbeamten gleitet von Nervosität über in Ratlosigkeit, Bedrängnis und Angst.

Hoch ist an dieser Stelle unser junger japanischer Kollege Yuki Tanabe zu preisen, der mit stoischer Ruhe, Geduld und großem Einfühlungsvermögen in das erschütterte Seelenleben japanischer Fahrkartenverkäufer die Situation entknotet. Siehe da, die fehlende Platzkarte ist auch wieder da. Sie klebte mit einer anderen zusammen. Irgendjemand murmelt was von Spucke und Bratscher.

Nun hat das allerdings gedauert, weshalb der normale Fahrtenverkauf in Yonago für beträchtliche Zeit zum Erliegen kam, was derartige Folgeverzögerungen in dem schnurrenden, gut geölten Uhrwerk des japanischen Bahnverkehrs verursacht hat, dass Teile der japanischen Regierung bereits ihren Rücktritt angeboten haben sollen.Ohne Sake keine deutsch-japanische Freundschaft: Intendant Roland Ott bei unserem Empfang in Yonago

Unterdessen wird bei unserem Empfang die deutsch-japanische Freundschaft ausführlich gefeiert und mit Sake gedüngt. Der Vize-Gouverneur ist da und wedelt während seiner Rede mit seinem VW-Schlüssel herum. Dann zieht er noch einen Stift von Farber-Castell aus dem Jackett und hält ihn in die Runde. Ich fotografiere diese Performance mit einer japanischen Kamera, in deren Objektiv Leica-Technik verbaut ist. Dafür haben unsere japanischen Gastgeber natürlich ein Auge und bedanken sich mit breitestem Lachen und anerkennendem Nicken, wie ich die deutsch-japanische Freundschaft lebe.

Dann greift sich Stefan, unser Solo-Bassist, Yuki und das Mikrofon und hält eine spontane Lobrede auf unseren Fahrkarten-Helden des Tages und nochmal auf die deutsch-japanische Freundschaft im Allgemeinen.Liebevoller Umgangston: Stefan Große Boymann widmet einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner Rede auf dem Orchesterempfang seinem Kollegen Yuki Tanabe

Als unsere Gastgeber pünktlich um halb acht das Buffett wieder abräumen, setzen wir diesen schönen Abend fort, in dem wir uns unseren eigenen Empfang im Foyer unseres Hotels geben. Das muss an dieser Stelle als Information genügen...

Uwe Stiehler


25.5.2019

Wir stehen also um acht auf einem Bahnsteig der Zentralbahnhofs von Toyohashi. Die Sonne kneift schon mächtig in den Augen mit ihrem gleißenden Licht, das sie über Japan ausgießt. An dieses Übermaß an Helligkeit kann ich mich nicht gewöhnen, an die sieben Stunden Zeitunterschied schon eher. Ich suche nach meiner Sonnenbrille und sehe dabei unsere Buchhalterin Regine Oberländer mit ihrem Fotoapparat auf dem Bahnsteig herumschleichen. Sie versucht die Kollegen zu fotografieren, wenn sie sich unbeobachtet fühlen und scherzt: „Ich mache Beweisfotos.“ Unser Intendant umarmt sie verbal mit singender Stimme: „Ah Big Sister is watching you!“ Ich muss lachen. Roland Ott dreht sich zu mir: „Bei allem gebührenden Respekt, ich kann ja schlecht Big Brother zu ihr sagen...“ Dann unterbricht ein donnerndes, zischendes wildes Brausen unsere Konversation. Als ob eine Rakete an uns vorbeifliegt. Ein Shinkansen feuert mit Vollgas durch den Bahnhof. Alle ziehen die Handys raus. Der Zug ist schneller wieder weg, als man Auslöseknopf tippen kann. Mit so einem Ding fahren wir auch gleich. Big Sister schlendert noch ein bisschen mit der Kamera herum. Dann kommt er, der japanische Superzug. Wir alle rein. Stefan Große Boymann, unser Solo-Kontrabassist, schlurft mit Badeschlappen in die Bahn. Fünf Stunden später wird er in Frack und Lackschuhen an mir vorbeischreiten, als trüge er nie etwas anderes. Unser Intendant ist von den Badeschlappen hellauf begeistert. „Herr Stiehler, das müssen Sie posten!“ „Wehe“, sagt Stefan, „ich krieg zu Hause Ärger.“ Ich verspreche, das Foto bleibt unter Verschluss.
Ankunft in Kyoto: Das Orchester wird vorzüglich zu seinen Bussen gelotst.

Unser Shinkansen dreht, kaum dass wir aus dem Bahnhof raus sind, auf Höchstgeschwindigkeit. Im Tiefflug jagen wir durch eine Landschaft, in der die Häuser nicht aufhören. Ort knüpft sich an Ort knüpft sich an Ort. Ein Vorgeschmack auf Tokio, das mit seinen Nachbarstädten zu einem Betonklos verschmolzen ist, den wenigsten 35 Millionen Menschen bevölkern. Wir wollen aber nicht nach Tokio, noch nicht, wir stürmen Kyoto entgegen. Es heißt, es sei die reizvollste Großstadt Japans. Können wir nicht feststellen. Wir werden am Bahnhof gleich in Busse gestopft und direkt zur Konzerthalle gebracht.Zwiegespräch während der Probe: die Cellisten Thomas Wolk (l.) und Thomas Georgi (r.)

Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 - das mit dem schwelgenden, epischen Anfang - und Beethovens dritte Sinfonie werden in einem Konzertsaal mit 1700 Plätzen gespielt. Das Publikum sitzt dort ähnlich wie in der Berliner Philharmonie auch hinter dem Orchester. So zentriert wie in der Elbphilharmonie schwebt die Bühne hier aber nicht mitten im Raum.Das Brandenburgische Staatsorchester im Konzertsaal von Kyoto

Während unsere Musiker noch proben, schwitzt die Luft draußen Hochsommer aus. Es sind 32 Grad im Schatten. Und diesmal gibt es sogar welchen, gibt es hier Grün und Bäume und nicht nur Häusermeer. Vor der reizvoll dezent geschwungen Konzerthalle trotzt eine Allee dünnstämmiger Bäume dem Grau. Hinter dem weitläufigen Bau führt ein überschatteter Wandelgang zum Botanischen Garten. Ich bade dort meine Augen im Grün und dem Blumenmeer, schaue den Wasserläufen nach, schlendere über die Holzstege, die ihnen folgen, finde einen Ort, der aussieht wie Japan im Märchenbuch und ertappe mich, wie ich mache, was hier alle tun: Ich fotografiere Blüten. Es früher Nachmittag. Das Konzert beginnt gleich. Jetzt fix wieder zurück.Gleich hinter der Konzerthalle: der botanische Garten von Kyoto

Die Platzanweiserinnen flitzen schon durch den Saal, immer leicht gehetzt und immer, wirklich immer in diesem Schritt, der noch kein Rennen aber auch kein Gehen mehr ist. Alle sitzen. Mit dem Klavierkonzert geht es los. Das Publikum ist begeistert. „Bravo! Bravo!“ ruft es laut von hinten. Beethoven schlägt ähnlich ein. Takao Ukigaya dirigiert mit wuchtigen Bewegungen. Und schenkt dem Publikum noch eine Zugabe.Takao Ukigaya dirigiert das Brandenburgische Staatsorchester in Kyoto

Als das Konzert zu Ende ist, wollen unsere Orchesterwarte auf die Bühne. Da stellt sich ihnen eine Art Bühnenpolizist in den Weg. Sie dürfen erst raus, wenn der allerletzte Zuschauer den Saal verlassen hat. Ich sehe, wie es unter der Stirn der Kollegen dampft. Sie müssen den Zeitplan einhalten. Auf einem Bildschirm beobachte ich: Der allerletzte Zuschauer hat es nicht eilig.

Während das ganze Equipment in einen chromglänzenden Truck verladen wird - heißes Teil, das viel mehr nach Rolling Stones als nach Sinfonieorchester aussieht -, lungert das Orchester um die Busse herum, in denen es die nächsten fünf Stunden eingequetscht sein wird.

Auf der sich zäh und zäh hinziehenden Fahrt werden die alten Geschichten rausgeholt. Von den Tourneen durch Frankreich, Spanien, Portugal, als die Fahrten noch viel länger waren und die Musiker außer Bus, Konzertsälen und Hotels nichts anderes sahen. Stefan erzählt blumig und gibt mir ein kaltes Bier aus - das mich schläfrig macht. Ich nicke kurz weg. Er fotografiert, wie ich im Schlaf mit den Fingern zärtlich die leere Bierdose umspiele. „Wehe“, sag ich, „wenn du dieses Foto rumschickst, poste ich Deine Badeschlappen.“

Als wir kurz vor zehn in Yonago ankommen, wollen alle nur noch ins Bett. Aber das dauert. Ein Knäuel von Menschen und Koffern verstopft das kleine Vestibül. Die beiden niedlichen Fahrstühle im Hotel sind nicht dafür ausgelegt, dass sie von einem Orchester mit Großgepäck geflutet werden.

Uwe Stiehler


24.5.2019

„Die alten Schlachtrösser ziehen immer“, sagt unser Intendant und lehnt sich zufrieden zurück in den weichen Sitz der Konzerthalle von Toyohashi, als das Brandenburgische Staatsorchester dort Tschaikowskys Violinkonzert probt. Mit Schlachtross meint Roland Ott dieses temperamentvolle Werk.

Der Raum hat eine feine Akustik. Quatsch, das liegt natürlich zuerst am Orchester. Jedenfalls spielt es zum Auftakt seiner Japan-Tournee in einem Kulturhaus, das außenherum einen leicht nervösen, unentschlossenen Eindruck macht. Man könnte es auch für ein Schwimmbad halten. Es dreht und wölbt sich mal hierhin, mal dorthin in einer Gegend, in der man Autowerkstätten und Möbelhäuser eher vermutet als Kulturtempel.Der Konzertsaal von Toyohashi während der Probe

Aber man darf sich nicht täuschen, der Konzertsaal hat was. Ist großzügig geschnitten, auch für europäisches Beinmaß bequem, kann mehr als 1000 Gäste fassen und klingt gut. Als das Brandenburgische Staatsorchester dort spielt, ist er fast ausverkauft. Etwa 1000 Zuhörer sitzen dem Orchester aus Brandenburg gegenüber, hören gebannt Tschaikowskys Schlachtross zu und applaudieren, bis sie eine Zugabe bekommen. Die Musiker haben das Publikum eingefangen. Keine Spur von Jetlag.

Das Geheimnis dieses nimmermüden Klangkörpers führt Trompeter Matthias Jonas im Gepäck. In der Pause während der Probe eilt das Gerücht durchs Orchester, er sei mit 36 Bananen nach Japan gereist. Er: Es sind nur 18. Seine Kollegen: Hast Du wirklich 36 Bananen mitgenommen? Er: Ich habe zuhause 36 gekauft, es haben aber nur 18 in den Koffer gepasst. Dann spricht ihn jemand von hinten an: Sag mal, du bist tatsächlich mit 36 Bananen unterwegs? Matthias Jonas verteidigt sein Bananenprojekt: Es gebe nichts Besseres als Bananen, um sich für ein Konzert zu dopen. Sie liegen nicht schwer im Magen, geben Energie und enthalten Kalium „um runterzukommen“.Maestro Takao Ukigaya dirigiert das Eröffnungskonzert der Japan-Tournee

Bananen also. Kann man übrigens auch in Japan kaufen. Sauber eingeschweißt wie alles hier. Solche klinisch reinen Konzertreisen hatte das Orchester nicht immer. Als die Musiker nach dem Auftritt in Toyohashi mit dem Bus zurück ins Hotel gebracht werden - die Stimmung ist sehr, sehr aufgeräumt - erzählt Stefan Große Boymann von den Tourneen nach Russland und Litauen Anfang der 90er-Jahre. Spärlich geheizte Hotels, dreckige Zimmer, Kakerlaken. Aber: das Orchester wurde mit Polizeieskorte zum Konzert begleitet. Heiße Zeit damals.Hinter der Bühne: Der Oberbürgermeister von Toyohashi und Intendant Roland Ott

In Toyohashi gibt es keine Blaulichtbegleitung, dafür kommt der Oberbürgermeister nach dem Konzert hinter die Bühne, die für unseren Solo-Klarinettisten Christian Krech eine Art Wohnzimmer ist. Seit zehn Jahren unterrichtet er in Japan, gibt seitdem in diesem Saal mit seinen Schülern Konzerte und stand dort auf der Bühne, als unter der Halle die Erde bebte. Wenn er erzählt, wie die Wände wackelten und schwankten, fühlt man sich an die Hüften einer Bauchtänzerin erinnert. Der Konzerthalle hat dieser Tanz nichts ausgemacht. Ich denke mir leise, vielleicht liegt das auch an Christian Krech. Er ruht dermaßen in sich, dass er mit seiner Aura wahrscheinlich auch nervöse Konzertsäle wieder von ihren Erschütterungen befreit. Und jetzt: auf nach Kyoto.
Uwe Stiehler


23.5.2019

Nanu, wo will das Flugzeug landen? Es ist kurz vor halb neun am Morgen. Wir sollen gleich in Nagayo aufsetzen. Aber der Pilot braust über die Stadt drüberweg und steuert die Maschine raus aufs Meer. Und sie sinkt tiefer und tiefer. Unter ihr: nur Wasser. Und sinkt noch ein bisschen tiefer. Das Wasser kommt näher. Dann legt sie sich kühn in die Kurve und fliegt wieder Richtung Küste. Und sinkt tiefer. Unter ihr: grünes, schlieriges Meer. Wo es aufhört, fängt die Landebahn an. Das Brandenburgische Staatsorchester ist angekommen. Ohne Verluste.Sind auch alle mitgekommen?

Wobei zwei Mitreisende am Flughafen fast vom japanischen Sicherheitspersonal weggefangen worden wären. Der eine wegen einer Salami, der andere aus Sensationslust. Als unser Intendant Roland Ott, alle Sicherheitsschleusen problemlos passierend, in der Ankunftshalle sein Orchester überschaut und mit einer Liste checkt, ob er alle seine Schäfchen beisammen hat, fehlt noch einer: Stefan Große Boymann, Solo-Kontrabassist, Orchestervorstand und eine wichtige Stütze des Klangkörpers. Sein großer Koffer wird gefilzt bis auf die Socken. Ein Polizeihund hatte angeschlagen. Wahrscheinlich ist dem Tier die Salami in die Nase gefahren, die im Koffer lag. Also wird alles rausgeholt, inspiziert und sehr akkurat zurückgelegt. Stefans Kommentar: Jedenfalls ist der Koffer jetzt ordentlicher gepackt als vorher.

Ich fotografiere das Schauspiel. Schwerer Fehler. Ein Polizist bellt mich an. Ich verstehe nichts und verstehe trotzdem alles. Fotografieren in der Sicherheitszone strengstens verboten. Strengstens! Ich muss den Salami-Fotobeweis vor den Augen des Aufpassers löschen. Er herrscht mich derart an, dass ich innerlich schon die Fußfesseln klicken höre. In meinem Reiseführer steht: Japaner hätten eine ausgeprägte Abneigung gegen Konfrontationen und ein starkes Bedürfnis nach Harmonie. Emotionen, sagen sie, sollten erfühlt werden. Weiß die Flughafenpolizei davon? Aber vielleicht stammten die Vorfahren dieses Kollegen ja zufällig aus Perleberg. Tatsächlich war der Vater der japanischen Polizei ein preußischer Offizier, der nach Fernost ausgeliehen wurde. Das nur nebenbei.

Von Nagayo fahren wir gut eine Stunde mit dem Bus nach Toyohashi. Es ist eine eher schmucklose Industriestadt an der Küste. Egal, wohin man läuft, es sieht immer nach Vorstadt aus. An manchen Ecken stehen schwere süße Düfte in der Luft. Würde mich nicht wundern, wenn das Wort „Duftglocke“ in dieser Stadt erfunden worden wäre. An seinen Rändern fließt Toyohashi hier und da in wässrige Reisfelder hinein, in denen abends die Frösche singen. Am Rande der Felder lauern die Reiher und obendrüber tanzen in der Dämmerung die Fledermäuse.Der Maestro mit der Konzertmeisterin beim Begrüßungsdinner

Was noch auffällt: die Stadt scheint in ihrem Inneren fast nur aus Einfamilienhäusern zu bestehen, die sich auf keine einheitliche Form einigen wollen. Alles wirkt ein bisschen wie hingewürfelt und schon irgendwie individuell. Das ist erstaunlich In einem Land, in dem jeder das Sprichwort kennt: Auf einen Nagel, der hervorsteht, haut man drauf. Heute war noch frei.

Morgen wird es ernst. Morgen gibt es das erste Konzert.
Uwe Stiehler


22.5 2019

Verwirrung auf dem Flughafen Tegel. Das Orchester mäandert wie ein Tausendfüßler mit 80 Köpfen zwischen den Abfertigungsschaltern herum. Irgendwas funktioniert nicht. Berlin eben Das Gerücht flüstert sich durch die Schlange: das ganze Hin und Her habe ein kaputter Drucker verursacht. Tegel verabschiedet sich häppchenweise, bevor Schönefeld eröffnet.Abflug ab Tegel

Im Tunnel vor der Flugzeugtür hängt ein Plakat, das gegen die bedingungslose Grundrente anschreit. Gleich daneben fordert ein anderes sie unbedingt ein. Das ist der letzte Eindruck von Deutschland. Jetzt auf nach Helsinki.

Wegen der Verzögerungen in Berlin wird das Umsteigen in Helsinki hektisch. Und dass man dort beim Einchecken mit automatischer Gesichtserkennung arbeitet, macht die Sache nicht schneller. Der leitende Orchesterwart wird nicht automatisch erkannt und muss den Umweg über den humanoiden Gesichtsabgleich nehmen. Der Intendant lauert am Gate zum Abflug nach Nagoya, ob alle seine Schäfchen dabei sind. Wäre blöd, sagt er, wenn wir den Solotrompeter vergessen. Ein Mann von Finnair checkt, wie viele Leute fehlen, die keinen japanischen Namen haben. Wie will man so überprüfen, ob unsere japanischen Musikerkollegen nicht verloren gegangen sind? Keine Panik, alle da. Eine Stewardess drängt zur Eile. Ein Unwetter kriecht heran. Abflug im Regen. Und dann liegt Russland stundenlang unter einer Wolkendecke. Die am Ural aufreißt und sich dort in Wellen aus Schlagsahne verwandelt, die diesen Koloss umspülen. Bevor es hintern Flugzeug richtig Nacht wird, wird es vorn schon wieder hell. Um 21.37 Uhr Frankfurter Ortszeit ist um das Flugzeug herum die Nacht schon wieder zu Ende. Noch knapp vier Stunden bis zur Landung.

Mein Lieblingssatz aus meinem japanischen Reiseführer: „Nehmen Sie viel Seife, das überzeugt.“
Uwe Stiehler


Vom 22. Mai bis 3. Juni 2019 ist das Brandenburgische Staatsorchester in Japan unterwegs. Die Tournee führt sie durch acht japanische Städte: Beginnend in der Ai Plaza Toyohashi fahren die Musiker in die alte Kaiserstadt Kyoto, wo sie in der Kyoto Concert Hall auftreten. Es folgen Yonago (Convention Center), Saga (Saga-City Bunka Kaikan), Himeji (Himeji-City Bunka Center), Tokyo (Metropolitan Theatre), Matsudo (Morino-Hall) und Kawaguchi (Lilia Hall). Am 3. Juni geht es schließlich vom Flughafen Narita aus wieder gen Heimat.

Auf dem Programm stehen Werke von Ludwig van Beethoven: („Die Geschöpfe des Prometheus“ / Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 56 / Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op.73), Peter I. Tschaikowsky (Violinkonzert D-Dur op. 35), Johannes Brahms (Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 68/ Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op.73) und Edvard Grieg (Klavierkonzert a-Moll op. 16).

Dirigent ist bei allen Konzerten Takao Ukigaya, langjähriger Gastdirigent des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt. Die Solisten sämtlicher Konzerte kommen aus Japan.