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Japan-Tournee des BSOF

25.5.2019

Wir stehen also um acht auf einem Bahnsteig der Zentralbahnhofs von Toyohashi. Die Sonne kneift schon mächtig in den Augen mit ihrem gleißenden Licht, das sie über Japan ausgießt. An dieses Übermaß an Helligkeit kann ich mich nicht gewöhnen, an die sieben Stunden Zeitunterschied schon eher. Ich suche nach meiner Sonnenbrille und sehe dabei unsere Buchhalterin Regine Oberländer mit ihrem Fotoapparat auf dem Bahnsteig herumschleichen. Sie versucht die Kollegen zu fotografieren, wenn sie sich unbeobachtet fühlen und scherzt: „Ich mache Beweisfotos.“ Unser Intendant umarmt sie verbal mit singender Stimme: „Ah Big Sister is watching you!“ Ich muss lachen. Roland Ott dreht sich zu mir: „Bei allem gebührenden Respekt, ich kann ja schlecht Big Brother zu ihr sagen...“ Dann unterbricht an donnerndes, zischendes wildes Brausen unsere Konversation. Als ob eine Rakete an uns vorbeifliegt. Ein Shinkansen feuert mit Vollgas durch den Bahnhof. Alle ziehen die Handys raus. Der Zug ist schneller wieder weg, als man Auslöseknopf tippen kann. Mit so einem Ding fahren wir auch gleich. Big Sister schlendert noch ein bisschen mit der Kamera herum. Dann kommt er, der japanische Superzug. Wir alle rein. Stefan Große Boymann, unser Solo-Kontrabassist, schlurft mit Badeschlappen in die Bahn. Fünf Stunden später wird er in Frack und Lackschuhen an mir vorbeischreiten, als trüge er nie etwas anderes. Unser Intendant ist von den Badeschlappen hellauf begeistert. „Herr Stiehler, das müssen Sie posten!“ „Wehe“, sagt Stefan, „ich krieg zu Hause Ärger.“ Ich verspreche, das Foto bleibt unter Verschluss.

Unser Shinkansen dreht, kaum dass wir aus dem Bahnhof raus sind, auf Höchstgeschwindigkeit. Im Tiefflug jagen wir durch eine Landschaft, in der die Häuser nicht aufhören. Ort knüpft sich an Ort knüpft sich an Ort. Ein Vorgeschmack auf Tokio, das mit seinen Nachbarstädten zu einem Betonklos verschmolzen ist, den wenigsten 35 Millionen Menschen bevölkern. Wir wollen aber nicht nach Tokio, noch nicht, wir stürmen Kyoto entgegen. Es heißt, es sei die reizvollste Großstadt Japans. Können wir nicht feststellen. Wir werden am Bahnhof gleich in Busse gestopft und direkt zur Konzerthalle gebracht.Zwiegespräch während der Probe: die Cellisten Thomas Wolk (l.) und Thomas Georgi (r.)

Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 - das mit dem schwelgenden, epischen Anfang - und Beethovens dritte Sinfonie werden in einem Konzertsaal mit 1700 Plätzen gespielt. Das Publikum sitzt dort ähnlich wie in der Berliner Philharmonie auch hinter dem Orchester. So zentriert wie in der Elbphilharmonie schwebt die Bühne hier aber nicht mitten im Raum.Das Brandenburgische Staatsorchester im Konzertsaal von Kyoto

Während unsere Musiker noch proben, schwitzt die Luft draußen Hochsommer aus. Es sind 32 Grad im Schatten. Und diesmal gibt es sogar welchen, gibt es hier Grün und Bäume und nicht nur Häusermeer. Vor der reizvoll dezent geschwungen Konzerthalle trotzt eine Allee dünnstämmiger Bäume dem Grau. Hinter dem weitläufigen Bau führt ein überschatteter Wandelgang zum Botanischen Garten. Ich bade dort meine Augen im Grün und dem Blumenmeer, schaue den Wasserläufen nach, schlendere über die Holzstege, die ihnen folgen, finde einen Ort, der aussieht wie Japan im Märchenbuch und ertappe mich, wie ich mache, was hier alle tun: Ich fotografiere Blüten. Es früher Nachmittag. Das Konzert beginnt gleich. Jetzt fix wieder zurück.Gleich hinter der Konzerthalle: der botanische Garten von Kyoto

Die Platzanweiserinnen flitzen schon durch den Saal, immer leicht gehetzt und immer, wirklich immer in diesem Schritt, der noch kein Rennen aber auch kein Gehen mehr ist. Alle sitzen. Mit dem Klavierkonzert geht es los. Das Publikum ist begeistert. „Bravo! Bravo!“ ruft es laut von hinten. Beethoven schlägt ähnlich ein. Takao Ukigaya dirigiert mit wuchtigen Bewegungen. Und schenkt dem Publikum noch eine Zugabe.Takao Ukigaya dirigiert das Brandenburgische Staatsorchester in Kyoto

Als das Konzert zu Ende ist, wollen unsere Orchesterwarte auf die Bühne. Da stellt sich ihnen eine Art Bühnenpolizist in den Weg. Sie dürfen erst raus, wenn der allerletzte Zuschauer den Saal verlassen hat. Ich sehe, wie es unter der Stirn der Kollegen dampft. Sie müssen den Zeitplan einhalten. Auf einem Bildschirm beobachte ich: Der allerletzte Zuschauer hat es nicht eilig.

Während das ganze Equipment in einen chromglänzenden Truck verladen wird - heißes Teil, das viel mehr nach Rolling Stones als nach Sinfonieorchester aussieht -, lungert das Orchester um die Busse herum, in denen es die nächsten fünf Stunden eingequetscht sein wird.

Auf der sich zähn und zäh hinziehenden Fahrt werden die alten Geschichten rausgeholt. Von den Tourneen durch Frankreich, Spanien, Portugal, als die Fahrten noch viel länger waren und die Musiker außer Bus, Konzertsälen und Hotels nichts anderes sahen. Stefan erzählt blumig und gibt mir ein kaltes Bier aus - das mich schläfrig macht. Ich nicke kurz weg. Er fotografiert, wie ich im Schlaf mit den Fingern zärtlich die leere Bierdose umspiele. „Wehe“, sag ich, „Wenn du dieses Foto rumschickst, poste ich Deine Badeschlappen.“

Als wir kurz vor zehn in Yonago ankommen, wollen alle nur noch ins Bett. Aber das dauert. Ein Knäul von Menschen und Koffern verstopft das kleine Vestibül. Die beiden niedlichen Fahrstühle im Hotel sind nicht dafür ausgelegt, dass sie von einem Orchester mit Großgepäck geflutet werden.

Uwe Stiehler

24.5.2019

„Die alten Schlachtrösser ziehen immer“, sagt unser Intendant und lehnt sich zufrieden zurück in den weichen Sitz der Konzerthalle von Toyohashi, als das Brandenburgische Staatsorchester dort Tschaikowskys Violinkonzert probt. Mit Schlachtross meint Roland Ott dieses temperamentvolle Werk.

Der Raum hat eine feine Akustik. Quatscht, das liegt natürlich zuerst am Orchester. Jedenfalls spielt es zum Auftakt seiner Japan-Tournee in einem Kulturhaus, das außenherum einen leicht nervösen, unentschlossenen Eindruck macht. Man könnte es auch für ein Schwimmbad halten. Es dreht und wölbt sich mal hierhin, mal dorthin in einer Gegend, in der man Autowerkstätten und Möbelhäuser eher vermutet als Kulturtempel.Der Konzertsaal von Toyohashi während der Probe

Aber man darf sich nicht täuschen, der Konzertsaal hat was. Ist großzügig geschnitten, auch für europäisches Beinmaß bequem, kann mehr als 1000 Gäste fassen und klingt gut. Als das Brandenburgische Staatsorchester dort spielt, ist er fast ausverkauft. Etwa 1000 Zuhörer sitzen dem Orchester aus Brandenburg gegenüber, hören gebannt Tschaikowskys Schlachtross zu und applaudieren, bis sie eine Zugabe bekommen. Die Musiker haben das Publikum eingefangen. Keine Spur von Jetlag.

Das Geheimnis dieses nimmermüden Klangkörpers führt Trompeter Matthias Jonas im Gepäck. In der Pause während der Probe eilt das Gerücht durchs Orchester, er sei mit 36 Bananen nach Japan gereist. Er: Es sind nur 18. Seine Kollegen: Hast Du wirklich 36 Bananen mitgenommen? Er: Ich habe zuhause 36 gekauft, es haben aber nur 18 in den Koffer gepasst. Dann spricht ihn jemand von hinten an: Sag mal, du bist tatsächlich mit 36 Bananen unterwegs? Matthias Jonas verteidigt sein Bananenprojekt: Es gebe nichts Besseres als Bananen, um sich für ein Konzert zu dopen. Sie liegen nicht schwer im Magen, geben Energie und enthalten Kalium „um runterzukommen“.Maestro Takao Ukigaya dirigiert das Eröffnungskonzert der Japan-Tournee

Bananen also. Kann man übrigens auch in Japan kaufen. Sauber eingeschweißt wie alles hier. Solche klinisch reinen Konzertreisen hatte das Orchester nicht immer. Als die Musiker nach dem Auftritt in Toyohashi mit dem Bus zurück ins Hotel gebracht werden - die Stimmung ist sehr, sehr aufgeräumt - erzählt Stefan Große Boymann von den Tourneen nach Russland und Litauen Anfang der 90er-Jahre. Spärlich geheizte Hotels, dreckige Zimmer, Kakerlaken. Aber: das Orchester wurde mit Polizeieskorte zum Konzert begleitet. Heiße Zeit damals.Hinter der Bühne: Der Oberbürgermeister von Toyohashi und Intendant Roland Ott

In Toyohashi gibt es keine Blaulichtbegleitung, dafür kommt der Oberbürgermeister nach dem Konzert hinter die Bühne, die für unseren Solo-Klarinettisten Christian Krech eine Art Wohnzimmer ist. Seit zehn Jahren unterrichtet er in Japan, gibt seitdem in diesem Saal mit seinen Schülern Konzerte und stand dort auf der Bühne, als unter der Halle die Erde bebte. Wenn er erzählt, wie die Wände wackelten und schwankten, fühlt man sich an die Hüften einer Bauchtänzerin erinnert. Der Konzerthalle hat dieser Tanz nichts ausgemacht. Ich denke mir leise, vielleicht liegt das auch an Christian Krech. Er ruht dermaßen in sich, dass er mit seiner Aura wahrscheinlich auch nervöse Konzertsäle wieder von ihren Erschütterungen befreit. Und jetzt: auf nach Kyoto.
Uwe Stiehler

23.5.2019

Nanu, wo will das Flugzeug landen? Es ist kurz vor halb neun am Morgen. Wir sollen gleich in Nagayo aufsetzen. Aber der Pilot braust über die Stadt drüberweg und steuert die Maschine raus aufs Meer. Und sie sinkt tiefer und tiefer. Unter ihr: nur Wasser. Und sinkt noch ein bisschen tiefer. Das Wasser kommt näher. Dann legt sie sich kühn in die Kurve und fliegt wieder Richtung Küste. Und sinkt tiefer. Unter ihr: grünes, schlieriges Meer. Wo es aufhört, fängt die Landebahn ab. Das Brandenburgische Staatsorchester ist angekommen. Ohne Verluste.Sind auch alle mitgekommen?

Wobei zwei Mitreisende am Flughafen fast vom japanischen Sicherheitspersonal weggefangen worden wären. Der eine wegen einer Salami, der andere aus Sensationslust. Als unser Intendant Roland Ott, alle Sicherheitsschleusen problemlos passierend, in der Ankunftshalle sein Orchester überschaut und mit einer Liste checkt, ob er alle seine Schäfchen beisammen hat, fehlt noch einer: Stefan Große Boymann, Solo-Kontrabassist, Orchestervorstand und eine wichtige Stütze des Klangkörpers. Sein großer Koffer wird gefilzt bis auf die Socken. Ein Polizeihund hatte angeschlagen. Wahrscheinlich ist dem Tier die Salami in die Nase gefahren, die im Koffer lag. Also wird alles rausgeholt, inspiziert und sehr akkurat zurückgelegt. Stefans Kommentar: Jedenfalls ist der Koffer jetzt ordentlicher gepackt als vorher.

Ich fotografiere das Schauspiel. Schwerer Fehler. Ein Polizist bellt mich an. Ich verstehe nichts und verstehe trotzdem alles. Fotografieren in der Sicherheitszone strengstens verboten. Strengstens! Ich muss den Salami-Fotobeweis vor den Augen des Aufpassers löschen. Er herrscht mich derart an, dass ich innerlich schon die Fußfesseln klicken höre. In meinem Reiseführer steht: Japaner hätten eine ausgeprägte Abneigung gegen Konfrontationen und ein starkes Bedürfnis nach Harmonie. Emotionen, sagen sie, sollten erfühlt werden. Weiß die Flughafenpolizei davon? Aber vielleicht stammten die Vorfahren dieses Kollegen ja zufällig aus Perleberg. Tatsächlich war der Vater der japanischen Polizei ein preußischer Offizier, der nach Fernost ausgeliehen wurde. Das nur nebenbei.

Von Nagayo fahren wir gut eine Stunde mit dem Bus nach Toyohashi. Es ist eine eher schmucklose Industriestadt an der Küste. Egal, wohin man läuft, es sieht immer nach Vorstadt aus. An manchen Ecken stehen schwere süße Düfte in der Luft. Würde mich nicht wundern, wenn das Wort „Duftglocke“ in dieser Stadt erfunden worden wäre. An seinen Rändern fließt Toyohashi hier und da in wässrige Reisfelder hinein, in denen abends die Frösche singen. Am Rande der Felder lauern die Reiher und obendrüber tanzen in der Dämmerung die Fledermäuse.Der Maestro mit der Konzertmeisterin beim Begrüßungsdinner

Was noch auffällt: die Stadt scheint in ihrem Inneren fast nur aus Einfamilienhäusern zu bestehen, die sich auf keine einheitliche Form einigen wollen. Alles wirkt ein bisschen wie hingewürfelt und schon irgendwie individuell. Das ist erstaunlich In einem Land, in dem jeder das Sprichwort kennt: Auf einen Nagel, der hervorsteht, haut man drauf. Heute war noch frei.

Morgen wird es ernst. Morgen gibt es das erste Konzert.
Uwe Stiehler


 

22.5 2019

Verwirrung auf dem Flughafen Tegel. Das Orchester mäandert wie ein Tausendfüßler mit 80 Köpfen zwischen den Abfertigungsschaltern herum. Irgendwas funktioniert nicht. Berlin eben Das Gerücht flüstert sich durch die Schlange: das ganze Hin und Her habe ein kaputter Drucker verursacht. Tegel verabschiedet sich häppchenweise, bevor Schönefeld eröffnet.Abflug ab Tegel

Im Tunnel vor der Flugzeugtür hängt ein Plakat, das gegen die bedingungslose Grundrente anschreit. Gleich daneben fordert ein anderes sie unbedingt ein. Das ist der letzte Eindruck von Deutschland. Jetzt auf nach Helsinki.

Wegen der Verzögerungen in Berlin wird das Umsteigen in Helsinki hektisch. Und dass man dort beim Einchecken mit automatischer Gesichtserkennung arbeitet, macht die Sache nicht schneller. Der leitende Orchesterwart wird nicht automatisch erkannt und muss den Umweg über den humanoiden Gesichtsabgleich nehmen. Der Intendant lauert am Gate zum Abflug nach Nagoya, ob alle seine Schäffchen dabei sind. Wäre blöd, sagt er, wenn wir den Solotrompeter vergessen. Ein Mann von Finnair checkt, wie viele Leute fehlen, die keinen japanischen Namen haben. Wie will man so überprüfen, ob unsere japanischen Musikerkollegen nicht verloren gegangen sind? Keine Panik, alle da. Eine Stewardess drängt zur Eile. Ein Unwetter kriecht heran. Abflug im Regen. Und dann liegt Russland stundenlang unter einer Wolkendecke. Die am Ural aufreißt und sich dort in Wellen aus Schlagsahne verwandelt, die diesen Koloss umspülen. Bevor es hintern Flugzeug richtig Nacht wird, wird es vorn schon wieder hell. Um 21.37 Uhr Frankfurter Ortszeit ist um das Flugzeug herum die Nacht schon wieder zu Ende. Noch knapp vier Stunden bis zur Landung.

Mein Lieblingssatz aus meinem japanischen Reiseführer: „Nehmen Sie viel Seife, das überzeugt.“
Uwe Stiehler


 

Vom 22. Mai bis 3. Juni 2019 ist das Brandenburgische Staatsorchester in Japan unterwegs. Die Tournee führt sie durch acht japanische Städte: Beginnend in der Ai Plaza Toyohashi fahren die Musiker in die alte Kaiserstadt Kyoto, wo sie in der Kyoto Concert Hall auftreten. Es folgen Yonago (Convention Center), Saga (Saga-City Bunka Kaikan), Himeji (Himeji-City Bunka Center), Tokyo (Metropolitan Theatre), Matsudo (Morino-Hall) und Kawaguchi (Lilia Hall). Am 3. Juni geht es schließlich vom Flughafen Narita aus wieder gen Heimat.

Auf dem Programm stehen Werke von Ludwig van Beethoven: („Die Geschöpfe des Prometheus“ / Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 56 / Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op.73), Peter I. Tschaikowsky (Violinkonzert D-Dur op. 35), Johannes Brahms (Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 68/ Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op.73) und Edvard Grieg (Klavierkonzert a-Moll op. 16).

Dirigent ist bei allen Konzerten Takao Ukigaya, langjähriger Gastdirigent des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt. Die Solisten sämtlicher Konzerte kommen aus Japan.